Herbert Leuninger

ARCHIV 2006

8.Mai 2006
61. Jahrestag des Endes des II. Weltkriegs
Gedenken am Friedensbaum
im Arboretum Schwalbach/Ts. am 12. Mai

INHALT
Es gibt sie immer noch, die Friedensbewegung der Vereinigten Staaten als wichtiger Teil des globalen Pazifismus.
Pazifismus gehört allerdings nicht zu den politischen und geistigen Mega-Trends. Die wirtschaftliche Globalisierung ist verbunden mit absoluter Rücksichtslosigkeit. Militarisierung gehört zur Durchsetzung der eigenen Interessen.

Für uns in der Westerwaldgemeinde Mengerskirchen waren am Dienstag vor Ostern, dem 27. März 1945 um 11:00 Uhr der II. Weltkrieg und Hitlers Diktatur vorbei. Damals rollten die ersten US-Panzer über eine geschotterte Nebenstraße aus Elsoff kommend durch den Ort. Es muss nach meinen späteren Recherchen das 3. Corps der 1. US Armee gewesen sein, dass in Remagen über den Rhein gesetzt war. In der Ortsmitte, an einer Kreuzung bog die nicht enden wollende Kolonne aus Panzern, Jeeps, Flugabwehrkanonen, Mannschaftswagen und Transportfahrzeugen nach Norden ab. Sie sollten am 2. April Kassel erreichen und am 25. d. M. auf die russischen Verbände in Torgau treffen.

Herbert Leuninger bei der Ansprache (größeres Bild)

Mit weißen Tüchern, die uns die Mutter schon tags zurechtgelegt hatte, trauten wir uns aus dem Haus. Wir stellten uns an die Kreuzung, wo die einseitig malenden Ketten der Panzer die Straße immer tiefer aufwühlten.

Wir betrachteten die Amerikaner als unsere Befreier. Die ersten Panzer waren noch verschlossen, dann öffneten sich nach und nach die Luken. Schließlich kamen Panzer, auf denen Panzergrenadiere saßen. Erstmals sahen wir auch Schwarzamerikaner. Sie blickten etwas freundlicher als die anderen auf uns herunter.

Unterdessen war ein Jeep der Militärpolizei aus der Kolonne ausgeschert. Die Polizisten übernahmen die Verkehrsregelung an der Kreuzung, suchten aber auch einen Dolmetscher für bestimmte Kontakte im Dorf. Ich war mit meinen 12 Jahren und bescheidenen Sprachkenntnissen sofort dazu bereit. Im offenen Jeep fuhren wir durch den Ort, um den Pfarrer aufzusuchen. Auch brachte ich die Militärpolizisten zu dem von den Nazis abgesetzten Bürgermeister, der im Auftrag der Militärregierung wieder die Amtsgeschäfte übernahm. Mein Bruder Ernst (11 Jahre) hat am nächsten Morgen dem Militärpfarrer die Messe gedient. Meine 14-jährige Schwester war sehr enttäuscht, als sie ein paar Tage später ein Plakat entdeckte, auf dem General Eisenhower die Fraternisierung mit der deutschen Bevölkerung verbot.

Die US-Amerikaner als unsere Befreier, das sind sie und bleiben sie für uns bis heute. Wenn sie nicht mit ihrer gewaltigen Militärmacht eingegriffen hätten, was wäre aus Europa und der Welt geworden? Um es auf den ganz persönlichen Bereich zu beziehen - unsere Familie und viele Menschen aus Mengerskirchen, einem Hort tiefer kirchlicher und anti-nationalsozialistischer Gesinnung, gäbe es längst nicht mehr.

Ich sage dies als ziemlich spät zum Pazifismus Bekehrter und als scharfer Kritiker der imperialistischen Politik der USA. Bedenken wir aber auch und gerade in der aktuellen Situation: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind politisch eine tief gespaltene Nation mit einer immer noch vorhandenen und aktiven Friedensbewegung.

Im Augenblick sorgt ein Dokumentarfilm über den Vietnamkrieg in den USA für Aufsehen: Regisseur David Zeiger dokumentiert in "Sir! No Sir!", wie der Widerstand gegen den Vietnamkrieg in der Armee selbst ausgesehen hat. Bis heute ist so gut wie unbekannt, dass GIs durch Piratensender und Befehlsverweigerung den Krieg in Vietnam boykottierten. Amerikanische Geschichtsbücher lehren, dass eine linkspolitische, pazifistische Antikriegsbewegung in der Heimat den Soldaten in den Rücken gefallen sie. Die betrachtet Zeiger als krasse Verfälschung dessen, was tatsächlich passiert ist. Es gab zahlreiche Coffee-Houses und GI-Centern, in denen Vietnam-Heimkehrer junge Rekruten mit Marschbefehl aus erster Hand von den schrecklichen Ereignissen an der Front zu berichteten. In den GI-Zentren wurden 300 subversive Antikriegszeitungen gedruckt und überall in den Militärkasernen in den USA und in Übersee verteilt. Schauspielerin Jane Fonda wurde zum berühmtesten Mitglied des GI-Widerstands. Offizielle Militärstatistiken zählten mehr als 503.000 Fälle von Fahnenflucht.

31 Jahre nach Vietnam gehen Soldaten auf die Straße: gegen den Irak-Krieg. Allen voran die Gruppe "Irak-Veteranen gegen den Krieg" Zusammen mit mehreren 100.000 Demonstranten, darunter auch Vietnamveteranen, sind sie Ende April 2006 durch New Yorks Straßen gezogen. Raubkopien des Films kursieren schon jetzt unter den US-Truppen im Irak Die ersten 500 Gratis-DVDs des Films sind bereits in den Irak verschickt worden. Dreiviertel der im Irak stationierten Soldaten sind nicht mehr von ihrer Mission überzeugt.

Es gibt sie immer noch, die Friedensbewegung der Vereinigten Staaten als wichtiger Teil des globalen Pazifismus. Pazifismus gehört allerdings nicht zu den politischen und geistigen Mega-Trends. Die wirtschaftliche Globalisierung ist verbunden mit absoluter Rücksichtslosigkeit. Militarisierung gehört zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Der ein weiteres Mal ramponierte Friedensbaum ist ein erschreckendes Zeichen für die Brutalisierung unserer Gesellschaft.

Für mich war der Zusammenbruch des Nachkriegspazifismus als einer politischen Grundhaltung in der Bundesrepublik Friedensbewegung mit dem Irak-Krieg 1991 erfolgt. Ich vermeinte damals die politische Dimension meiner Arbeit verloren zu haben. Ich habe begonnen zu dichten, das erste Mal in meinem Leben. Es war allerdings nur eine Episode, aber eine, die mich sehr, sehr nachdenklich gemacht hat.

Dann das Wegbrechen der Grünen aus der Phalanx der unbedingten Kriegsgegner beim Kosovo-Krieg. Hierbei habe ich in Erinnerung, dass wohl Clinton Schröder und Fischer schon zu einem frühen Zeitpunkt auf die Mitwirkung eingeschworen haben.

Diese Tatsache legt mir den durch nichts beweisbaren Schluß nahe, es könnte auch eine frühe Absprache zwischen Schröder und Fischer auf der einen und hochrangigen amerikanischen Politikern auf der anderen Seite gegeben haben, dass Deutschland sich g e g e n den Irak-Krieg stellt. Die Erklärung, Schröder habe dies um des Wahlkampf willen getan, halte ich nicht für ausreichend. Auf jeden Fall erinnere ich mich daran, seinerzeit an der größten Friedensdemonstration mit einer halben Million Menschen in Berlin teilgenommen zu haben. Es war wohl erstmals eine politik-gestützte Demonstration für den Frieden.

Entscheidungen über einen Krieg fallen in den Vereinigten Staaten offensichtlich schon in einem frühen Stadium, während nach außen hin immer noch diplomatische Bemühungen der Konflikbewältigung im Gange sind. Ich befürchte, dass dies auch für die Auseinandersetzung mit dem Iran gilt und dass Bush sich bei Merkel und den Deutschen eingeschmeichelt hat, um wenigstens für den Fall der Fälle eine deutsche Ruhigstellung zu erreichen. Auch hierfür habe ich keine Beweise. Nur das Argument, die Vereinigten Staaten könnten sich neben dem desaströsen Einsatz im Irak nicht einen weiteren Krieg leisten, muss nicht unbedingt überzeugen. Kritiker eines Iran-Krieges in den USA verweisen darauf, dass die amerikanischen Luftstreitkräfte voll intakt und bis zum Einsatz von Atomwaffen hin gerüstet -auf einen Einsatz geradezu warten könnten.

Noch ein Gedanke zum Schluss: rein zufällig bin ich am 26. April, dem 20. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe auf einen Text des britischen Kulturhistorikers Arnold Toynbee aus dem Jahr 1948 gestoßen: Darin schließt er nicht aus, dass die beiden ersten Weltkriege ein bloßer Auftakt zu einer ungeheuren selbstverschuldeten Katastrophe sein könnten und zwar "... weil die Menschheit unglücklicherweise die Erschließung der Atomenergei entdeckt hat, bevor es uns noch gelang, die Einrichtung des Krieges abzuschaffen."

Pazifismus und Gegnerschaft zur Atomenergie sind kein Luxus, sondern eine globale Überlebensfrage gegen eine Militärmaschine, die die ganze Welt in den Abgrund reißen könnte.

s.a.: Arboretum und Flüchtlingslager (1988)


Der Friedensbaum
im Arboretum Schwalbach Ts.

In Kiew/Ukraine verwandelte man in der 1959er Jahren das Gelände eines ehemaligen Lagers für deutsche Kriegsgefangene in einen Park. Auch das Gelände des Arboretums hat jahrzehntelang dem Krieg gedient: als Flugplatz im II. Weltkrieg, anschließend als amerikanisches Militärcamp und Lager für deutsche Kriegsgefangene.


Hermann Heindl (l.) neben ihm Dr. Erika Heindl bei der Gedenkfeier
(Foto: Hildegard Willkomm-Kern)

Einer der Überlebenden (der Künstler Hermann Haindl aus Hofheim/Ts.) der Gefangenschaft in Kiew hob 1999 eine Kastanie in dem ukrainischen Park auf. Daraus erwuchs dieser Baum, der hier im Arboretum, wo Bäume aus aller Welt friedlich nebeneinander stehen, Zeugnis ablegt, dass Feindschaft zwischen den Völkern überwunden werden kann.

Bei dem Gedenken am 12. Mai 2006 sprachen neben Pfr. Herbert Leuninger,

  • Dr. Werner Straube, Hofheim
    für den Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten und Sozialrentner e.V. (VDK)
  • Gerhard Kern, Hofheim
    für die Friedensinitiative Main-Taunus
  • Dr. Erika Haindl, Hofheim
    für die Initiatoren der Pflanzung des Friedensbaumes
  • Es sang der Kinderchor der Musikschule Hofheim

KInder der Musikschule Hofheim mit Herta Biersack am Friedensbaum
(Foto: Hildegard Willkomm-Kern)

Baumpark Arboretum Schwalbach Ts.

In zwei Stunden von Nordamerika nach Südeuropa, vorbei an chinesischen oder sibirischen Gehölzen und dabei die Stadtgrenze nur kurz überschreiten - das Arboretum, der "etwas andere Waldpark" macht es möglich. In dem rund 75 Hektar großen Park auf Sulzbacher und Schwalbacher Flächen, der 1981 als Ersatzaufforstung für die Erweiterung des Flughafens erstmals bepflanzt wurde, wachsen rund 600 verschiedene Baum- und Straucharten.

Während Waldparks üblicherweise aus einer Ansammlung einzelner Bäume bestehen - mit Namenschild und Herkunftsbezeichnung - hat das Land Hessen mit dem Arboretum auf den Gemarkungen der Kommunen Sulzbach (51 Hektar Fläche) und Schwalbach (23 Hektar) einen ganz anderen Waldpark geschaffen. Hier werden verschiedene Waldgebiete der Erde jeweils durch eine Gruppe von Bäumen und Sträuchern repräsentiert, so, wie sie im dargestellten Wald auch in der Natur vorkommen.

Zwischen den einzelnen kleinen "Wäldern" - es sind 36 an der Zahl - gibt es Streuobst- und Blumenwiesen, einen Lehrpfad für Gesteine und einen für einheimische Bäume sowie ein Feuchtbiotop, zu seinem Schutz völlig eingewachsen. Ein Sulzbacher Landwirt bewirtschaftet naturnah Ackerland und Wiesen des Arboretums und ein Bio-Imker hat Bienenkörbe hier aufgestellt.

Beeindruckend ist die Vielfalt des Baumparks: So wachsen zum Beispiel auf der Waldfläche "Südeuropa" auf einem knappen halben Hektar 63 verschiedene Baum- und Straucharten; allein 17 verschiedene Eichenarten sind im Park vertreten.

(aus: Internet-Information der Stadt Schwalbach a. Taunus)