Herbert Leuninger

ARCHIV KIRCHE
1968

Katholische Morgenfeier
im Hessischen Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 18. August 1968

Schöne neue Welt?

Es ist vorstellbar, dass die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach eines Tages nicht mehr aufgeführt wird, weil die musikalische Welt, aus der sie erwachsen sind, von künftigen Menschen nicht mehr verstanden werden könnte. Wie aber, wenn dieses Werk deswegen in Vergessenheit geriete, weil die religiösen Vorstellungen, die mit ihnen verknüpft sind, aufgehört haben, Menschen zu interessieren? Das wäre in einer Welt der Fall, aus der man Schuld, Schmerz und Leid eliminiert hätte, so dass in dieser Hinsicht entsprechende Erfahrungen fehlten.

Es besteht für absehbare Zeit kein Anlass, mit diesen Möglichkeiten zu rechnen. Wie kaum zuvor sehen wir uns genötigt, mit einer unmenschlichen Zeit fertig zu werden, in der sich – auf ungeheure Dimensionen erweitert – wiederholt, was uns an der Passion Christi erschüttert. So ist es keine musikgeschichtliche Reprise, wenn der junge Pole Krzysztof Penderecki seine Luka-Passion komponiert, in der nicht zuletzt Auschwitz und Hiroshima zur Bewältigung anstehen.

Sind wir also keinen Schritt weiter gekommen, seit Aldous Huxley 1932, ein Jahr von Penderecki`s Geburt, Zukunftsaussichten beschreibt, die tatsächlich Leid, Krieg und Schmerz aus der Welt verbannt sein lassen? In dem Roman „Schöne neue Welt" führt der Vertreter einer Weltregierung, die das Glück für alle Menschen erreicht zu haben glaubt, mit einem jungen Mann, der in einer Eingeborenenreservation groß geworden ist, folgendes Gespräch:

Sprecherin:
(Aldous Huxley: Schöne neue Welt, Hamburg, 1958, S.199 ff)

»Mein lieber junger Freund«, sagte Mustafa Mannesmann, »die Zivilisation hat nicht den geringsten Bedarf an Edelmut oder Heldentum. Derlei Dinge sind Merkmale politischer Untüchtigkeit. In einer wohlgeordneten Gesellschaft wie der unsern findet niemand Gelegenheit zu Edelmut und Heldentum. Solche Gelegenheiten ergeben sich nur in ganz ungefestigten Verhältnissen.

Wo es Kriege gibt, Zwiespalt der Pflichten, Versuchungen, denen man widerstehn, und Liebe, die man erkämpfen oder verteidigen muß, - dort, ja, dort haben Heldentum und Edelmut einen gewissen Sinn. Heute gibt es keine Kriege mehr. Übergroße Liebe zwischen zwei Menschen verhindern wir mit möglichster Sorgfalt. Gewissenskonflikte gibt es auch nicht: man wird so genormt, daß man nichts andres tun kann, als was man tun soll. Und was man tun soll, ist, im ganzen genommen, so angenehm und gewährt den natürlichen Trieben so viel Spielraum, daß es auch keine Versuchungen mehr gibt.

Sollte sich durch einen unglücklichen Zufall wirklich einmal etwas Unangenehmes ereignen, dann gibt es Soma, um sich von der Wirklichkeit zu beurlauben. Immer ist Soma zur Hand, Zorn zu besänftigen, einen mit seinen Feinden zu versöhnen, Geduld und Langmut zu verleihen. Früher konnte man das alles nur durch große Willensanstrengung und nach jahrelanger harter Charaktererziehung erreichen. Heute schluckt man zwei, drei Halbgrammtabletten, und damit gut! Jeder kann heutzutage tugendhaft sein. Man kann mindestens sein halbes Ethos in einem Fläschchen bei sich tragen. Christentum ohne Tränen - das ist Soma.«

Bibeltext:

Aus dem Evangelium nach Lukas (22, 63-64a, 70):
"Und die Männer, die ihn bewachten, trieben ihren Spott mit ihm und schlugen ihn. Sie verhüllten ihm die Augen, gaben ihm Schläge ins Gesicht und fragten ihn: „Weissage, wer hat dich eben geschlagen?" ...

Da riefen alle: „Bist du also der Sohn Gottes?" Er sprach zu ihnen: „Ihr sagt es: Ich bin es."

Musik:
(Stück aus der Lukaspassion von Krzysztof Penderecki)

Sprecherin:
(Aldous Huxley: Schöne neue Welt, Hamburg, 1958, S.199 ff)

»Wissen Sie, was euch nottut? « fragte der Wilde. »Etwas mit Tränen. Zur Abwechslung. Bei euch kostet nichts genug.«...

»Ich brauche keine Bequemlichkeiten. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde.«

»Kurzum«, sagte Mustafa Mannesmann, »Sie fordern das Recht auf Unglück.«

»Gut denn«, erwiderte der Wilde trotzig, »ich fordere das Recht auf Unglück.«

»Ganz zu schweigen von dem Recht auf Alter, Häßlichkeit und Impotenz, dem Recht auf Syphilis und Krebs, dem Recht auf Hunger und Läuse, dem Recht auf ständige Furcht vor dem Morgen, dem Recht auf unsägliche Schmerzen jeder Art?«

Langes Schweigen.

»Alle diese Rechte fordere ich«, stieß der Wilde endlich hervor. Mustafa Mannesmann zuckte die Achseln und sagte: »Wohl bekomm's!«

 

Für wessen Welt wollen wir uns entscheiden? Für die Mustafa Mannesmanns oder für die des Wilden? Entziehen können wir uns dieser Entscheidung nämlich nicht, auch nicht mit dem Hinweis, es gäbe in dieser Zeit der Kriege und Katastrophen noch keine echte Alternative.

Huxley hat sein „Utopia" damals nach 600 Jahren angesetzt und damit weit in die Zukunft gerückt. Als er 1949 ein Vorwort zur zweiten Ausgabe schrieb, hielt er die Erreichung des beschriebenen Zustands innerhalb nur eines Jahrhunderts für möglich. Die Voraussetzungen sind demnach günstig, dass eine totalitäre Weltregierung eine konfliktfreie Gesellschaft aufbaut, in der allen Menschen Wohlstand, Sicherheit und Glück garantiert sind. Es braucht dazu nicht einmal Gewalt angewendet werden, denn die Menschen lieben diesen Zustand und wehren sich gegen jede Veränderung.

Selbst wer sich verständlicherweise dieser Prognose nicht anschließen kann, oder sie zumindest für vorschnell hielt, kann nicht leugnen, dass es in unserer Gesellschaft den scharfen Trend zu einem schmerzfreien und spannungslosen Leben gibt. Einige Anzeichen für diese Entwicklung seien benannt: der hohe Konsum von Tabletten, die der Beruhigung dienen; die unwiderstehliche Sehnsucht durch Rauschmittel der harten Wirklichkeit zu entfliehen, die verbreitete Überzeugung, dass Schuld hinweg psychologisiert werden kann, die wachsenden Wohlfahrtsfunktionen des Staates, das Abschirmen vor jedem Risiko einschließlich dem des verregneten Urlaubs, die Züchtung eines anpassungsfähigeren Menschentyps.

Ein Christentum mit oder ohne Tränen? Es ist gar nicht so leicht Stellung zu beziehen. Das bisherige Christentum hatte zweifelsohne Sympathien für den spannungsgeladenen und leidenden Menschen. Bisweilen wurde sogar die Persönlichkeit zum Ideal erhoben, die nicht nur vom Schicksal auferlegte Leiden willig ertrug, sondern freiwillig Leiden für sich aussuchte. Unbestreitbar hat das christliche Abendland gerade wegen seiner Leidensbereitschaft einen beachtlichen Reichtum an kulturellen Werten hervorgebracht. Daraus wird auch heute noch die Folgerung gezogen, dass ein Mensch ein hohes Maß an Spannungen ertragen muss, um als Persönlichkeit zu gedeihen.

Ein Christentum ohne Tränen widerspricht der christlichen Existenz in der Wurzel. Verzicht auf Konflikt ist lebensgefährlich. Ja man geht so weit, zu behaupten, dass der Mensch, der jeden Schmerz überspielt, degeneriert und sich zu einem Lust- und Befriedigungsmechanismus erniedrigt. Der Mensch braucht dagegen einen ständigen Stachel im Fleisch, um hellhörig und lebendig zu bleiben. In dieser Sicht wäre das Christentum eine Lebenshaltung, die nicht das größere Glück, sondern den größeren Schmerz fordert.

Damit wäre die Entscheidung gegen Mustafa Mannesmann und für den Wilden gefallen, d.h. gegen eine Welt, in der alles auf das Wohlergehen des Menschen und die schnelle Erfüllung seiner Wünsche ausgerichtet ist, für eine Welt mit Leid und Schmerz, mit Krieg und Tragödie.

Bei dieser Entscheidung ist dann aber auch eine zwielichtige Einstellung zu Krankheit, Krieg und Not gegeben. Aus Mitleid und Barmherzigkeit werden die Christen Kranke pflegen, zum Frieden aufrufen und für die Hungernden in der Welt sammeln. Aber ihre Hände waren und sind manchmal auch heute noch erstaunlich gelähmt, wenn es darum geht, die Krankheit, den Krieg und die Armut radikal zu beseitigen. Letzteres halten sie sowieso für unerreichbar, weil sie an das Wort Christi denken: „Arme werdet ihr allzeit unter euch haben." Kommt zu allem bei den Betroffenen noch eine christliche Ergebenheit, dann ist eine durchgreifende Änderung der Verhältnisse blockiert.

Sobald wir dieser Position, die vor dem Übel in der Welt resigniert, ansichtig werden, erkennen wir ihre Fragwürdigkeit. Sie widerspricht dem gesunden Lebensgefühl der Menschen, denen alles an einer gründlichen Veränderung der heutigen Welt gelegen ist und denen w8ir unsere Solidarität aufkündigen, wenn wir nicht auf eine entscheidende Verbesserung hoffen und an ihr mitwirken. Daher muss die Alternative falsch sein, die nur die zwei Möglichkeiten offen lässt, entweder ein Leben in der „Neuen, schönen Welt" oder ein Leben in Krankheit und Not. Das eine wie das andere bedeutet eine Verkümmerung des menschlichen Lebens. Eine Welt, in der das Glück durch Pillen reguliert wird, ist genauso wenig überzeugend wie eine Welt, die nicht gewillt ist, sich entschieden gegen Schmerz und Leid zu wenden.

Es besteht kein ernsthafter Grund, Krankheit, Kriege und Unterentwicklung als unausrottbar anzusehen. Selbst die in dieser Hinsicht äußerst entmutigende Geschichte der Menschheit darf uns nicht den Elan rauben, alles daran zu setzen, mit diesen Grundübeln – nur si4e seien erwähnt – fertig zu werden.

Was aber handelt sich ein Mensch ein, der auf diesen Gebieten um Fortschritte bemüht ist: Schwierigkeiten und Schmerzen! Nicht nur, dass er geplagt sein kann vom Unverständnis derer, denen er helfen will, oder von der Kleinlichkeit jener, die er um Mithilfe angehen muss. Viel schmerzhafter ist die ständige Überwindung seiner selbst, seines Egoismus, seiner Bequemlichkeit. Je stärker der Einsatz ist, umso größer sind diese geistigen Schwierigkeiten. Eine innere Dynamik zwingt das jeweils Erreichte wieder zu verlassen. Man muss das aufgeben, was man mühsam geschaffen hat.

Dieser Auszug, dieses Unterwegssein ist schmerzlich und doch gehört es zu einer großen Lebensbewegung, die beglückt. Das gesagte gilt natürlich nicht nur für die Menschen, die als Forscher oder Entwicklungshelfer tätig sind – das war nur beispielhaft gemeint - sondern für jeden, der sich der Christusnachfolge verschrieben hat. Die Selbstaufgabe, die damit verlangt wird, die schmerzliche Selbstaufgabe im Dienst an den anderen, endet am Kreuz.

Mit diesem Kreuz sind aber Schmerz und Tod nicht sanktioniert, sondern überwunden.

Gebet:

Heilig Kreuz von allen Bäumen

einzig höchster Ehre wert;

keiner ist dir zu vergleichen

je an Blättern, Blüten, Frucht;

kostbar` Holz an kostbar` Nägeln

eine kostbar` Last uns trägt.

Musik:
Crux fidelis