Herbert Leuninger ARCHIV KIRCHE
1970

HESSISCHER RUNDFUNK
Frankfurt/M
2. Hörfunkprogramm, Januar1970
Redaktion: Norbert Kutschki
Ist der Holländische Katechismus bereits überholt?
Erfahrungen eines Pfarrers mit dem Holländischen Katechismus

INHALT
In der Obstbaugemeinde Kriftel am Rande Frankfurts diskutieren in einer Veranstaltungs- reihe 150 vorwiegend katholische Gemeinde-mitglieder in sechs Gesprächskreisen ihre Glaubensfragen. Orientierung bietet dabei der Holländische Katechismus als moderne Glaubensinterpretation.


Während die Meinungen über die Ergebnisse des Holländischen Pastoralkonzils noch weit auseinandergehen, wird der Holländische Katechismus, der seinerzeit so viel Aufregung verursachte, bereits als Klassiker der Glaubensverkündigung gewertet. Das Buch teilt allerdings mit vielen Bestsellern das traurige Schicksal, daß es wohl in hohen Auflagen verkauft, aber nur von einer kleinen Schicht gelesen wird. Tatsächlich hat man in Holland, wo die Buchhändler eine halbe Million des Katechismus absetzen konnten, Klage darüber geführt, weil sich zu wenige der Mühe unterzogen, das Werk, nachdem es im Bücherschrank stand, auch zu studieren. Zu ähnlichen Ergebnissen dürften Kenner deutscher Lesegewohnheiten kommen.

Das ist um so bedauerlicher, als den bloßen Käufern eine geglückte Methode unbekannt bleibt, wie ihre Fragen gleichsam gesprächsweise aufgenommen und einer sinnvollen Antwort zugeführt werden. Diese Methode, die überdies auf geradezu poetischem Niveau durchgehalten wird, kommt der Mentalität des heutigen Menschen sehr entgegen. Verschiedentlich wird sie von Rezensenten hervorgehoben wie etwa von Ch. Zippert im Deutschen Pfarrerblatt, einer evangelischen Publikation; dort heißt es:

"Der Holländische Katechismus ist ein einziges großes Gespräch zwischen gemeinsam überlegenden, durch Autoritätsprobleme nicht gestörten Partnern. Auf das künstliche Frage-Antwort-Spiel, ein sonst unausrottbar erscheinendes Requisit kirchlicher Unterweisung, hat man verzichtet. Das ist nicht nur eine Formsache. Der Leser wird ernstgenommen, auf seine eigenen Fragen hin angesprochen. Er findet selbstverständlich nicht auf alle Fragen eine befriedigende Antwort, aber er wird zu neuen Fragen ermutigt und angeregt, weil er am Zustandekommen der Antworten freimütig beteiligt wird."

Zippert lobt dann die eingängige und lebendige Sprache, die, ohne alltäglich zu sein, der Alltagssprache verpflichtet bleibt, und fährt fort: „Das spricht nicht nur für die Sache, die vertreten wird, sondern auch für die Vertreter selbst: Menschen sprechen menschlich zu anderen Menschen."

Man mußte sich als Pfarrer wohlweislich überlegen, ob man dieses einmalige Geschenk der Holländischen Kirche auf Bücherborden verstauben lassen wollte, ohne es für die Gemeindearbeit fruchtbar werden zu lassen. Die übliche Propagierung konnte nicht genügen, zumal gerade ein Pfarrer am besten wissen muß, wie wenig die theologische Literatur seiner Gemeindebibliothek unter Abnutzungserscheinungen leidet. Für sie wie auch für den Katechismus ist nur ein kleiner Leserkreis anzusetzen, obwohl für die angeschnittenen Fragen ein wesentlich größerer Kreis ansprechbar ist.

Aus diesen Gedanken heraus ergab sich wie von selbst die Anregung, das Buch gemeinsam zu lesen und zu besprechen. Dem kam die Einsicht entgegen, daß die notwendige Weiterbildung des erwachsenen Christen weder durch Vorträge allein, geschweige denn durch die Predigt geleistet werden kann, sondern durch das qualifizierte Gespräch. So entspricht einer großen Vortragsmüdigkeit auf der einen Seite, eine große Gesprächsbereitschaft auf der anderen. Dieser Trend zeichnet sich auch bereits länger in der allgemeinen Erwachsenenbildung ab. Der bildungswillige Erwachsene erwartet ein Bildungsangebot, zu dem er Stellung nehmen, und das er mit anderen zusammen reflektieren kann. Er will nicht mehr wie ein Schüler unterwiesen werden, weil ihn das zu sehr an den unmündigen Zustand des Kindes erinnert. Je größer allerdings die Gesprächsgruppe ist, desto geringer ist die Chance, möglichst viele am Gespräch zu beteiligen. Überall macht man die Erfahrung, daß der Prozentsatz der Gesprächsteilnehmer in dem Maße abnimmt, wie die Anzahl der Anwesenden wächst. Zumal für das Glaubensgespräch liegen hier große Nachteile: Viele scheuen sich, ihre Probleme zu artikulieren, aber auch wertvolle Erfahrungen und Einsichten weiterzugeben, die alle bereichern könnten.

Sollten sich also sinnvolle Gespräche mit dem Holländischen Katechismus ergeben, war man von vornherein auf kleine Gruppen verwiesen.

Da sich 150 Teilnehmer meldeten - das sind ca. 15 Prozent der in Frage kommenden (erwachsenen) Besucher der (katholischen) Sonntagsgottesdienste - mußten sechs verschiedene Gesprächsgruppen gebildet werden; die jeweilige Zusammensetzung ergab sich rein zufällig, was sich für die späteren Gespräche als vorteilhaft erwies.

Um ein kursorisches Lesen des Buches zu vermeiden, waren in einer zwanglosen Reihenfolge Themen ausgewählt worden, für die ein besonderes Interesse angenommen wurde: So etwa: "Ist die Bibel wörtlich zu verstehen?" "Warum statt Erbsünde - Urschuld?" "Sind die Kindheitsgeschichten Jesu Legenden?", nicht zuletzt auch das hauseigene Thema der Katholiken: "Was ist mit der Beichte?" Der Katechismus, daraufhin befragt, erwies sich als vorzüglicher Gesprächspartner nicht nur, weil er gut zu antworten verstand, sondern auch, weil er Gespräche anregte, die sich weit vom Buch wegbewegten und verschiedentlich nicht mehr zum Text zurückfanden. Dabei zeigte sich ein großes Bedürfnis der Anwesenden, in diesen sie bewegenden Fragen zu Wort zu kommen. All zuviel hatte sich aufgestaut und drängte nach Entladung. Aber nicht nur eine Vielzahl der Meldungen, noch mehr die Vielfalt der Meinungen war das Hervorstechende der Diskussionen. Weniger für den Pfarrer als für die Teilnehmer selbst war es die Überraschung zu erfahren, was alles in einer Gemeinde gedacht und geglaubt wird. Mit dieser Vielfalt von Ansichten wurden aber auch Gegensätze deutlich, deren Austragung die Gemeinde von diesem Zeitpunkt an über die Maßen beschäftigen sollte.

Zu dieser Auseinandersetzung trug nicht zuletzt der ökumenische Gesprächskreis bei, in dem sehr weitgehende Auffassungen über Kirche, Dogma und christliches Leben vorgebracht wurden. Sie waren zwar nicht als "unfehlbare Lehre" deklariert worden, dennoch verursachten sie in der Gemeinde eine erhebliche Unruhe. Auf der anderen Seite ergab sich auch immer wieder eine große Übereinstimmung zwischen evangelischen und katholischen Gesprächspartnern gerade in bislang ungewohnten Ansichten. Der Katechismus rechtfertigte den Ruf, ein ökumenisches Buch zu sein, ein Urteil, das im bereits erwähnten Deutschen Pfarrerblatt folgendermaßen formuliert wird:

"Es gibt kein vergleichbares Buch auf evangelischer Seite, und es besteht wenig Hoffnung, daß es bald geschrieben wird. Wir sollten uns nicht zu gut sein, das im vollen Sinne ‚katholische' Buch aus Holland zu Hilfe zu nehmen. Da es auf einen kritischen Gebrauch angelegt ist, wiegen Vorbehalte gegen einzelne Aussagen oder auch ganze Abschnitte gar nichts gegenüber der Tatsache, daß es dem Pfarrer für die Arbeit im Gottesdienst, in der Schule und im Gespräch der Gemeindegruppen, nicht zuletzt auch für die eigene Erbauung unschätzbare Dienste leisten kann."

Die im ökumenischen Gesprächskreis erörterten Fragen bezogen sich auf Probleme, wie sie üblicherweise zwischen den Konfessionen abgehandelt werden: das Amt in der Kirche, Mischehe, Messe und Abendmahl u.ä.. Der letzte Abend befaßte sich dann mit der Aufgabe des Christen in der Welt. Hier bereits zeichnete sich ab, daß der Holländische Katechismus den einschlägigen Fragen, die die Christenheit im Hinblick auf die Weltsituation heute bedrängen, nicht genügend Raum gewidmet hat.

Ein Jahr nach diesen Gesprächen empfiehlt sich ein zweiter Versuch mit dem Katechismus, der mittlerweile um einen Nachtrag zur Glaubenssicherung angereichert ist. Zwar ist der Reiz des Neuen verflogen, dafür ist aber die Notwendigkeit über Glaubensfragen zu sprechen insofern gewachsen, als sich Fronten gebildet haben, Wenn man in der Gemeinde nicht aneinander vorbeileben oder sogar gegeneinander stehen will, ist das Gespräch miteinander unerläßlich. Bei den neuen Gesprächen, die zustande kommen, wenn auch mit geringerer Beteiligung, sind die Positionen der Teilnehmer weitgehend bekannt. Jetzt geht es noch mehr als bisher darum, aufeinander zu hören und wenigstens Verständnis für die Stellungnahme des anderen aufzubringen, ohne sich zu exkommunizieren. Leider kann der Katechismus bei diesem Problem der kirchlichen Einheit keine Hilfe sein. Dafür bietet er sich aber wieder an, im Hinblick auf die Gottesbeweise, auf Glaube und Glaubenszweifel, Gewissen und Gebote. Allerdings werden seine ernsthaften Fragestellungen bereits unterlaufen von den bohrenden Fragen gerade der jüngeren Gesprächspartner. Ein Jahr harter und offener Auseinandersetzung läßt sie nach der Möglichkeit eines atheistischen Christentums fragen, eines Christentums, in dem die Frage nach der Existenz Gottes und nach der Gottheit Christi vorderhand zurücktritt, oder so beantwortet wird, wie es Cardonnel in seinem Buch "Gott in Zukunft" tut:

"Jesus Christus bricht mit allen unseren Vorstellungen von Gott: Er erschien als der radikale A-theist. Gott, das ist der alltägliche Mensch. Gott ’teilt sich mit', materialisiert sich. Und gerade seine Beschränkung auf den alltäglichen. Menschen konstituiert ihn als Gott."

Schwierig gestaltete sich die Suche nach Themen für den ökumenischen. Gesprächskreis. Die kontroverstheologischen Fragen bis hin zur Interkommunion erwiesen sich - wenigstens für einen kleinen Teil - als der Kategorie "no problem" zugehörig. Die wichtigen Fragen aber wie "Die Kirche der Zukunft", "Die engagierte Gemeinde", "Kirche und Gesellschaft" oder auch "Kirche und Revolution" sind im Katechismus gar nicht oder nur unzulänglich behandelt,

Am besten zeigt die Holländische Kirche selbst, wie die theologische Entwicklung seit Erscheinen des Katechismus weitergegangen und über diesen zwangsläufig hinausgewachsen ist. Nicht von ungefähr hat der offizielle Beobachter der deutschen Bischofskonferenz bei dem Holländischen Pastoralkonzil, Prof. Fittkau, wichtige Vorlagen kritisiert,

"die", wie er an den Präsidenten des Konzils schreibt, "von einem Glaubens-, Kirchen- und Amtsverständnis ausgehen, das eindeutig nicht mehr katholisch und kaum mehr christlich ist, sondern von einem rein humanwissenschaftlich inspirierten Modell gesellschaftlicher Gruppenbildung beherrscht ist."

So weit war die Kardinalskommission im Urteil über den Holländischen Katechismus nicht gegangen. Das ist wohl damit zu erklären, dass der geistige Prozeß in der für diese Kirchenprovinz typischen Unbekümmertheit vorangetrieben wurde. Darüber ist man sich allenthalben im Klaren. Nur scheinen sich Fittkau und andere Kritiker des Pastoralkonzils darüber zu täuschen, in welchem Maße in Holland eine weltweite Auseinandersetzung signalisiert wird, die nicht durch die Beschwörung des Utrechter Schismas aus dem 18. Jahrhundert neutralisiert werden kann.

Trotz allem darf man aber nicht sagen, der Holländische Katechismus sei überholt; er ist wohl ergänzungsbedürftig, und das ist nach dem Gesagten kein Vorwurf. Allerdings empfiehlt es sich einmal mehr, ein solches Buch nach Art eines Loseblattlexikons anzulegen. Dann lassen sich nämlich nicht nur der Nachtrag der Kardinalskommission sondern auch das geistige Destillat des Pastoralkonzils besser beifügen.