Herbert Leuninger ARCHIV KIRCHE
1977

ANSPRACHE BEIM GEDENKGOTTESDIENST FÜR PFARRER ENRICO COTELLI
AM SAMSTAG, DEN 13. AUGUST 1977 IM FRANKFURTER DOM

Auf einer Urlaubsreise nach Süditalien in 1977 wurde Enrico Cotelli, Pfarrer der italienischen Gemeinde Frankfurt von zwei Jungen erschossen. Mit seiner Reise in die südliche Region Italiens verband Cotelli die Absicht, dieses Gebiet, seine Menschen und ihre Lage noch besser zu verstehen, um denen, die nach Deutschland ausgewandert waren, noch besser dienen zu können.

Als sich am Donnerstag vor einer Woche in Bagnolo Mella der Leichenzug mit dem Sarg von Pfarrer Enrico Cotelli von seinem Elternhaus zur Pfarrkirche bewegte, wurde er immer wieder angesprungen von schießwütigen Revolverhelden auf großflächigen Kinoreklamen. Eine makabre Begleitung für den Priester, der von zwei 14-Jährigen hinterrücks niedergeschossen worden war.

Es wäre natürlich viel zu einfach, vom Nachahmungstrieb her eine Verbindung von menschenverachtenden Westernfilmen zu dem tragischen Geschehen zu ziehen. Dennoch halte ich es für angezeigt, auf eine Form von Menschenverachtung hinzuweisen, bei der die beiden Kerlchen eher selbst die Opfer als die Täter sind. Diese Menschenverachtung wird umschrieben mit den Begrif2en Wirtschaftsgefälle, Unterentwicklung, Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit, Bildungsdefizit, Emigration, Hoffnungslosigkeit, Aggressivität. Cotelli - und hier liegt die Absurdität seines persönlichen Schicksals - mag für diese Jungen aus dem wirtschaftlich benachteiligten Süden mit seinem Wagen und der Frankfurter Nummer das Symbol des reichen Nordens gewesen sein, der mit seiner politischen und wirtschaftlichen Macht die Ungleichgewichte in Europa nicht vermindert, sondern zementiert oder sogar vergrößert hat.

"Jeder, der seinen Bruder haßt, ist bereits ein Mörder", heißt es bei Johannes, für den das Gegenteil von Liebe nicht einfach Nicht-Liebe ist, sondern Haß. Und ist dies kein Haß, wenn man seine wirtschaftlichen Interessen auf Kosten anderer durchsetzt, wenn man Jugendliche in größtem Umfang ohne ausreichende Schulbildung, ohne Beruf,&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; ohne vergleichbare Zukunftschancen läßt? Damit wird Leben beeinträchtigt, geschädigt, zerstört. Eine lautlose Form des Hasse auf andere; in dem dann entstehenden Teufelskreis wird Haß mit Haß beantwortet und Aggression mit Aggression.

Für mich ist Cotelli das Opfer einer Menschenverachtung, die weit über das Verantwortungsgefüge von Halbwüchsigen hinausreicht. Cotelli aber gehört zweifellos zu jenen, die nach dem Johannesbrief "vom Tod zum Leben übergegangen sind, weil sie die Brüder und Schwestern lieben." Mit seiner Reise in die südliche Region Italiens verband er die Absicht, dieses Gebiet, seine Menschen und ihre Lage noch besser zu verstehen, um denen, die nach Deutschland ausgewandert waren, noch besser dienen zu können. Dies lag ganz auf der Linie seiner Entscheidung als junger Priester in die Emigration zu gehen, das Schicksal seiner Landsleute zu teilen, unter ihnen in neuer Weise Pfarrer einer eschatologischen Gemeinschaft zu sein, in der die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Friedensstifter selig gepriesen werden. Er wollte dort sein, wo Minderheiten und an den Rand gedrängte Gruppen, Hoffnung brauchen, an eine bessere Welt glauben lernen. Er wollte da sein, wo die Kirche als Anwalt von Menschen minderer Rechte, minderer gesellschaftlicher Einschätzung und geringerer Zukunftschancen prophetisch, aufzutreten hat. Er hat vom Evangelium her gedacht und gehandelt. Er hat seine Begabung, seine Talente, seine Gesundheit, seinen Charme und seine Kontaktfreude eingesetzt, um die Menschenwürde seiner Landsleute und aller Arbeitsmigranten zu verteidigen. Bisweilen hat er sein gewinnendes Lächeln verloren, weil er glaubte mit harten Bandagen kämpfen zu müssen.

Und all das spielte sich ab und mußte sich abspielen hier in Frankfurt, nicht irgendwo am Rande Europas oder in einem anderen Erdteil. Dieser Priester, dieser Christ, dieser vom Tod zum Leben übergegangene Mensch ist ein unersetzlicher Verlust für Frankfurt. Die Stadt steht mit ihrem Anteil von 18% anderssprachiger Menschen, vor allem Jugendlicher in den nächsten 10-15 Jahren vor einer ihrer größten Herausforderungen, eine einigermaßen humane Stadt zu sein. Cotellis, Christen wie er, sind's zu wenige. Angstmacher haben wir genug, ebenso politische Problemverlagerer, auch innerkirchliche "Kammermusiker". Dennoch hoffe ich, daß Cotelliís Anstöße weiterwirken, daß das Bischöfliche Ordinariat, daß die italienische Gemeinden, daß die Elternvereinigungen, daß seine Mitbrüder, daß seine Freunde unbeirrt und vielleicht noch zielstrebiger als bisher in der zusammen mit Enrico eingeschlagenen Richtung weitergehen.

Enrico Cotelli ist vom Tod zu einem Leben übergegangen, daß durch Schüsse nicht ausgelöscht werden kann. Das Bistum Limburg mit seinem Bischof bleibt ihm über den leiblichen Tod hinaus in großer Dankbarkeit verbunden.