Herbert Leuninger

ARCHIV MIGRATION
1978

12. März 1978
DER SONNTAG
Kirchenzeitung für das Bistum Limburg
Auf dem Weg ins Getto?
Frankfurt deutsche Großstadt mit dem höchsten Ausländeranteil
Herbert Leuninger berichtet von Eindrücken in Amerika

Ohne seine ausländischen Bewohner hätte Frankfurt gerade noch etwas mehr als eine halbe Million Einwohner. Mit 18,4% ausländischen Einwohnern aber ist die Stadt am Main die deutsche Großstadt mit dem höchsten Ausländeranteil. Wenn es um die Zahl der Geburten und die Arbeitslosenquote geht, sind die Frankfurter, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, klar überrepräsentiert. Das schafft Probleme. Angesichts der Tatsache, dass in manchen Stadtteilen die Zahl der ausländischen Bewohner weit höher ist als im Durchschnitt, und gleichzeitig die deutschen Bewohner einer eher gehobenen sozialen Schicht die Flucht aus der Stadt ergreifen, stellt sich die Frage, ob die Innenstadt, das Bahnhofsviertel, Bockenheim oder das Gallusviertel in absehbarer Zeit zu internationalen Gettos werden. Daß derartige Befürchtungen nicht übertrieben sind, wird deutlich, wenn man bedenkt, daß entgegen der offiziellen Politik und dem Selbstverständnis der Ausländer selbst, ein sehr großer Teil bereits seit vielen Jahren in Deutschland wohnt, eine zweite Generation von anderssprachigen Mitbürgern aufwächst, die ihre Heimat, weil in Deutschland geboren, noch nie gesehen haben. Der Rückkehrwunsch wird immer öfter zur bloßen Illusion.

Pfarrer Herbert Leuninger, im Bistum Limburg zuständig für die Ausländerarbeit sieht die Gettoprobleme in der Tat sehr schnell auf Frankfurt und andere Städte zukommen. Auf vielen Ebenen kämpft er dafür, daß sich Politiker stärker als bisher um die Integration der anderssprachigen Mitbürger kümmern. Integration, verstanden als Eingliederung, die auf die kulturellen Eigenarten der ausländischen Mitbürger Rücksicht nimmt, scheint ihm die einzige Möglichkeit der Problemlösung, Dieses Konzept, von ihm und den anderen in der kirchlichen Ausländerarbeit aktiv Tätigen unterstützt, ist zu Zeiten wirtschaftlicher Rezession indessen nicht unumstritten. Auch innerhalb der Kirche gibt es einflußreiche Kreise, .die eher den Rückkehrwillen der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien fördern wollen, als die auch von der Synode geforderte Integration zu betreiben. Bund und Länder haben sich für die Rückkehrförderung entschieden. Damit einher ging, eine verschärfte Praxis bei der Erteilung von Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen, gab es auch Schwierigkeiten bei der Familienzusammenführung. Doch nicht alle Politiker in den Städten und Ländern unterstützen diese Politik, die auf Kosten der betroffenen Menschen betrieben wird. Viel beachtet in dieser Richtung werden die Erklärungen von Ministerpräsident Börner und den Bürgermeistern Koschnik, Bremen, und Rommel, Stutgart.

Gettos kaum zu beseitigen, sondern leichter zu verhindern

Daß der Weg der Integration in der Tat der einzig gangbare und richtige ist, scheinen Erfahrungen zu belegen, die Pfarrer Herbert Leuninger während einer dreiwöchigen Reise durch die USA machte. Zusammen mit Stadtplanern, Sozialarbeitern und Wissenschaftlern studierte er auf dieser Informationsreise, die vom Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart Ende des vergangenen Jahres veranstaltet worden war, die Minderheitenprobleme im "Schmelztiegel Amerika". Wichtigste Erkenntnis nach zu knappen drei Wochen "Ein einmal bestehendes Getto kann scheinbar nicht mehr aufgelöst werden. Weit einfacher ist es, die Entstehung von Gettos durch gezielte Integrationsmaßnahmen zu verhindern." Als Folge der scharfen Rassentrennungspolitik, die in manchen Teilen Amerikas lange Zeit betrieben wurde, entstanden Gettos, die man heute mit sogenannten "Desegregationsmaßnahmen" wieder aufzulösen sucht. Sind die Probleme der Minderheiten in den USA auch meist nicht mit der deutschen Situation vergleichbar, so zeigen sich nach Ansicht Leuningers doch etliche gemeinsame Grundzüge, die die Notwendigkeit der Integration nahelegen.

Welche Folgen Gettobildung haben kann, zeige sich am nachdrücklichsten in den Indianerreservaten, etwa in Arizona. Während es normalerweise auch eine Schutzfunktion des Gettos gebe, lebten dort die aus fruchtbaren Gebieten verdrängten Indianer in Halbwüsten, ohne jede Chance, jemals wieder Anschluß an die amerikanische Gesellschaft zu finden.

Mit welch großem Aufwand die Rassentrennung in der amerikanischen Stadt Charlotte zu überwinden gesucht wird, schilderte Leuninger am Beispiel des dort praktizierten "busing-Systerns". Ein Rechtsanwalt hatte vor sechs Jahren vor Gericht durchgesetzt, daß an allen Schulen schwarze und weiße Schüler entsprechend dem Durchschnitt in der ganzen Stadt repräsentiert sein müßten. Zuvor gab es Schulen, in denen fast nur Schwarze und andere in denen nur Weiße waren. Mit Hilfe von eigens eingerichteten Buslinien wurden die Schüler so auf die Schulen verteilt, daß überall Schwarze und Weiße gemeinsam unterrichtet wurden. Nach einiger Zeit zeigt sich, daß dadurch auch unter Lehrern und Eltern die Gettosituation wenigstens teilweise aufgebrochen wurde, wenngleich das in Amerika stark verbreitete Privatschulsystem dazu beitrug, die Bemühungen ein Stück weit zu unterlaufen. Bemerkenswert, so Leuninger, sei auch die Tatsache, daß seit längerem in Amerika seitens der Regierung alle gesetzlichen und finanziellen Voraussetzungen geschaffen seien, um die Isolation der Minderheiten zu überwinden. Der "faktische Rassismus" in der Bevölkerung sei es, der viele Bemühungen scheitern lasse.

Vorurteile verhindern Integration

Vorurteile verhindern auch in Deutschland noch viel. Nach Ansicht des Deutschen Caritasverbandes hat gerade deshalb die Arbeit im Kindergarten und der Schule größte Bedeutung dafür, wie in Zukunft das "Ausländerproblem" gelöst werden kann. Wenn sich jetzt die verantwortlichen Politiker in Frankfurt der Probleme stärker als früher bewußt würden und nach Lösungsmöglichkeiten suchten, lägen, so Leuninger, ganz sicher auf dem Gebiet der Kindergarten- und Schularbeit gute Möglichkeiten. Für gelungene Kindergartenarbeit gibt es in Frankfurt einige Beispiele. So zum Beispiel den katholischen Kindergarten Maria-Hilf im Gallusviertel, dessen Leiterin für ihre integrativen Bemühungen vor kurzem von Ministerpräsident Holger Börner das Bundesverdienstkreuz erhielt. Zukunftsweisend dürfte das "Münchner Modell" sein, nach dem in einem Kindergarten deutsche Kinder mit Kindern einer anderen Nationalität gemeinsam erzogen werden. Dies bietet die Möglichkeit, den anderssprachigen Kindern sowohl eine auf ihre Kultur bezogene Förderung angedeihen zu lassen, als auch bei den deutschen Kindern Verständnis für sie zu wecken und zugleich sicherzustellen, daß die Kinder wirklich gemeinsam aufwachsen und miteinander in Kontakt bleiben.

Der falsche Weg Ausländerklassen

Ähnliches müßte auch für die Schule erreicht werden. Die Einrichtung von reinen Ausländerklassen oder -schulen sei kein Beitrag zur richtig verstandenen Integration. Wenn auch hier eine nationalitätsbezogene Förderung stattfinden müsse, stehe die gemeinsame Erziehung von ausländischen und deutschen Kindern im Mittelpunkt. Wenn man hier die amerikanischen Erfahrungen aus Charlotte übertrage, könne man annehmen, daß die in der Schule geübte Gemeinsamkeit auch ihrer) Niederschlag in der sonstigen gesellschaftlichen Realität findet.

Zumindest was die Frage der Kindergartenarbeit angeht, herrscht zwischen den Vertretern der Kirche und der im Frankfurter Römer die Mehrheitsfraktion stellenden CDU Einigkeit. Schon demnächst wird der Caritasverband in einigen Kindergärten mit Unterstützung der Stadt das Münchner Modell durchführen. Damit hofft man, die ausländischen Eitern dazu bewegen zu können, die Kinder eher als bisher in die Kindergärten zu schicken.

Mitarbeit aller ist nötig

Aber nicht nur die Politiker sind gefragt. Auch die Gemeinden müssen stärker als bisher versuchen, auf anderssprachige Mitbürger zuzugehen und sie in ihr Gemeindeleben einzubeziehen. Auch die Kooperation zwischen deutschen und anderssprachigen Gemeinden ist noch verbesserungsfähig, wobei beide Seiten hier Nachholbedarf haben. Wenn die Kirche und ihre Vertreter, wie zum Beispiel Herbert Leuninger, sich stark für die Belange der anderssprachigen Mitbürger einsetzen, müßten gerade die einzelnen Gemeinden wegweisend vorangehen. Tatsache ist, daß die "Ausländerprobleme" auch in Frankfurt noch lange nicht gelöst sind, sondern in völlig neuer Dimension auf die Stadt zukommen. Und immer noch bleibt jedem einzelnen Deutschen und Ausländer die ganz persönliche Aufgabe, Vorurteile abzubauen.

miwi (Michael Wittekind)