Herbert Leuninger

ARCHIV MIGRATION
1988

FRANKFURT - HEIMAT FÜR ALLE!

Kundgebung gegen die NPD
am Samstag, den 15.10.1988, 11 Uhr Hauptwache, Frankfurt


Rede auszugsweise veröffentlicht in Publik Forum, 4. November 1998, S. 4 , mit dem Hinweis: Der römisch-katholische Stadtdekan, die evangelische Pröpstin, Gewerkschafter, Grüne und SPD riefen in Frankfurt gemeinsam zu einer Demonstration gegen die NPD und ihre ausländerfeindlichen Parolen auf.


Im Sommer hat sich der bisherige Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars in Bonn verabschiedet. Dabei hat er der Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge PRO ASYL ins Stammbuch geschrieben: Kämpft gegen den Nationalismus und Rassismus in der Bundesrepublik. Er war in Sorge, daß gerade Flüchtlinge durch Nationalismus und Rassismus gefährdet seien.

Wir versuchen diesen Kampf zu führen. Dabei stehen wir nicht allein. Tausende stehen an der Seite der Flüchtlinge, eine der eindrucksvollsten Erscheinungen in der Bundesrepublik.

Ein erster Erfolg ist errungen, zusammen mit den Kirchen, den Gewerkschaften, mit Flüchtlingsinitiativen, mit den Wohlfahrtsorganisationen, mit den Menschenrechtsorganisationen. Vielleicht haben wir gemeinsam Schlimmes verhindern können, Schlimmes nicht nur für die Flüchtlinge sondern auch für die Ausländer. Vielleicht haben wir ein neues Ausländergesetz verhindern können. Darin sollte ein sogenanntes "homogenes" Deutschlund festgeschrieben werden, ein waschecht deutsches Deutschland, ein Deutschland, das nicht "überfremdet" wird.

Dabei gibt es das rein deutsche Deutschland längst nicht mehr, es hat es nie gegeben. Nehmen wir den Preußenkönig Friedrich den Großen. Neuerdings wird er in der DDR und in der Bundesrepublik wieder auf den nationalen Schild gehoben. Deutsch konnte er nur radebrechen. Er dichtete auf Französisch. Am Ende seiner Herrschaft war er König eines Landes, in dem mehr Polen als Deutsche lebten. Dem jungen Goethe, dem großen Sohn Frankfurts, stand er fremd und verständnislos gegenüber.

Was ist z.B. mit den Bajuwaren? Dort gebärdet man sich ja besonders national. Im sechsten Jahrhundert waren sie urplötzlich da, als Findelkinder der Völkerwanderung, als Söhne und Töchter von Alemannen, Langobarden, Ostgoten, Thüringern und Romanen, so die allerneueste Geschichtsforschung. Wenn sie eines von ihren Vorfahren geerbt haben, dann die Gabe der Stammesmischung!

Das homogene das lupenrein deutsche Deutschland hat es nicht gegeben und gibt es nicht. Unsere Kultur kommt heute vor allem aus den Vereinigten Staaten, von den Blumenkindern etwa bis hin zu Rambo. Schätzungsweise 30.000 englische Wörter sind in unsere Sprache eingegangen. Um alle Titel von Filmen zu verstehen, die in Frankfurt anlaufen, muß man wenigstens zwei Jahre Englisch gelernt haben. Wie viele Wörter außer "Kebab" sind dagegen aus der türkischen Sprache ins Deutsche übernommen worden? Da stellt sich doch die Frage, wer wen überfremdet, völlig anders.

Und Frankfurt? Frankfurt wäre ohne Ausländer längst nur noch eine Geisterstadt. Seit Jahrhunderten lebt diese Stadt von dem Zuzug nicht nur aus ganz Deutschland, sondern aus Europa. Und jetzt als internationale Metropole ist sie lebendig, weil Menschen aus der ganzen Welt in ihr wohnen und arbeiten.

Das Zusammenleben von Deutschen und Einwanderern in Frankfurt ist erstaunlich gut. Es ist ein Zeichen der Vernunft und Toleranz. Das sollten sich die Frankfurter von niemandem in Frage stellen lassen.

Frankfurt ist einst "das deutsche Jerusalem" genannt worden, d.h. Frankfurt war offensichtlich immer eine außergewöhnliche Stadt, außergewöhnlich wegen der internationalen und interkulturellen Zusammensetzung seiner Bevölkerung. Wer eine solche Stadt mit dem Jerusalem der Bibel vergleicht, stellt sie unter einen hohen Anspruch und unter eine einmalige Verheißung. Es ist der Anspruch und die Verheißung des Propheten, daß am Ende der Tage sich das zerstreute Volk Israel und alle anderen Völker in der Stadt Gottes versammeln werden, sie bringen ihre Kinder und ihre kulturellen Reichtümer mit und es entsteht eine neue Gesellschaft, eine Stadt des Friedens.

Gestatten Sie mir, dies als Theologe hier zu sagen. Gestatten Sie mir, ihre Anwesenheit hier unter diesem Anspruch zu sehen. als einen wichtigen Schritt auf diese Endverheißung zu, die allen Völkern Heimatrecht in Zion gibt.

Heimat ist da, wo Menschen akzeptiert werden, wie sie sind, wo Menschen akzeptiert werden in ihrer Würde und ihrer Kultur. Das schließt die Gleichberechtigung ein, nicht zuletzt auch die politische Mitbestimmung.

Heimatrecht fur Ausländer, Aussiedler und Flüchtlinge! Solidarität und Freundschaft mit Ausländern, Aussiedlern und Flüchtlingen! Das gibt dieser Stadt Zukunft!


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