Herbert Leuninger

ARCHIV MIGRATION
1990

Solidarität statt Sozialdarwinismus



   

  • Die Hinnahme von Gedanken einer neuen Rechten erscheinen gravierender als die Existenz rechtsextremer Wählergruppen.
  • Es gibt keine Solidarität mit den Diskriminierten ohne ein echtes Mitleben.

In den letzten zehn Jahren habe ich alles versucht, um die öffentliche Aufmerksamkeit immer wieder von dem abzulenken, was gemeinhin unter Rechtsextremismus eingestuft wurde. Für mich war viel interessanter und wichtiger, was sich geistes- und ideengeschichtlich hinter diesem oft sehr platten und groben Phänomen verbarg.

Was politisch, auch parteipolitisch, als Rechtsextremismus ausgemacht wird, ist ja nur ein Epiphänomen, Es ist nicht das Eigentliche. Daher besteht die Gefahr, daß die ganze politische, aber auch wissenschaftliche Diskussion zu sehr auf das Epiphänomen abhebt und nicht auf die ideengeschichtlichen Verwerfungen in unserer Gesellschaft. Diesen aber sollte mit der politischen Wende und mit den Wendehälsen zum Durchbruch verholfen werden, was aber nicht genügend realisiert wurde.

Ich will Ihnen das verdeutlichen. Ich kämpfe nicht gegen den geistig und politisch beschränkten Rechtsextremismus und seine Vertreter. Ich kämpfe seit zehn Jahren gegen Professoren, gegen die Wissenschaft, gegen die Selbstverständlichkeit, wie bei uns der Sozialdarwinismus von Gelehrten an die Öffentlichkeit gebracht werden kann, Ich setze mich etwa mit Prof. Schmidt-Kaler auseinander, der 1980 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine Ideen gegen die Einwanderung der Arbeitsmigranten verbreiten konnte,

Er warnte damals davor, daß, wenn die Zuwanderung nicht aufhöre, eines Tages ein anderes Volk mit anderer ethnischer und geistiger Substanz unser Land bewohnen könnte. Unser Problem seien dabei nicht die Gastarbeiter schlechthin, sondern "ihr asiatischer Anteil". Ich war als Theologe ein scharfer Gegner der Professoren, die 1981 das Heidelberger Manifest unterschrieben haben. Auch hier ging es um die Erhaltung unseres Volkes und die "Rückkehr der Ausländer in ihre angestammte Heimat", Ich hatte das Erscheinen eines solchen Manifestes bis fast in den Wortlaut voraussagen können, Ich wehrte mich gegen ähnlich völkische und sozialbiologische Ideen des Verhaltensforschers und Schülers von Konrad Lorenz, Prof. Eibl-Eibesfeldt, die dieser 1982 in der Süddeutschen Zeitung ausbreiten konnte.

Um es mit anderen Worten auszudrücken: Das Einsickern und die Hinnahme von Gedanken einer neuen Rechten erschienen mir gravierender als die Existenz rechtsextremer Wählergruppen. Denn hierin zeigte sich die geistige und politische Anfälligkeit der breiten, auch der scheinbar progressiven Öffentlichkeit.

Ich zähle zu den tieferen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit die Arbeitsmarktpolitik, die vor Jahrzehnten Millionen Menschen als Arbeitnehmer in die Bundesrepublik geholt hat mit der Maßnahme, sie dann, wenn sie nicht mehr gebraucht würden, zurückzuschicken. Diese Diskriminierung hat die gesamte Öffentlichkeit bis auf den heutigen Tag als selbstverständlich hingenommen. Das sind auch Wurzeln des menschenverachtenden Rechtsextremismus!

Ich habe es als Mensch des Jahrgangs 32 nie verstanden, daß es in Deutschland zum Nationalsozialismus kommen konnte. Jetzt weiß ich, daß er durch die Zulassung derer möglich war, die sich zwar von den extremen Positionen und Handlungen HitIers innerlich absetzten, aber nicht den Mut hatten, bei jeder Gelegenheit und Situation, wo noch Zeit gewesen wäre, klar Farbe zu bekennen und sich etwa den Juden gegenüber solidarisch zu zeigen.

Eine ähnliche Feigheit erleichtert auch heute das Aufkommen und die verschiedenen Formen von Fremdenhaß. Die mangelnde Solidarität mit den Fremden habe ich deutlich erlebt bei dem Wahlkampf der hessischen CDU anfangs des vergangenen Jahres, als mit Minderheiten, mit den Ausländern und den Asylbewerbern ein Wahlkampf bestritten werden konnte, ohne daß die halbe Republik aufgestanden wäre. Welchen Wert hatte das alles, was die Wissenschaft über Rechtsextremismus, über den Nationalsozialismus und alle vergleichbaren Ideologien zu erforschen und zu analysieren wußte? Daß es in entscheidenden Momenten keine Anwendung findet, zähll zu den Schwächen dieser Republik.

Die neue Ideologie, die den rechtsextremen Geist wieder hoffähig gemacht hat, ist m.E. der Sozialdarwinismus, also die Theorie, die dem Stärkeren die größeren Rechte gibt, die in der Selektion eine Legitimation für Unterdrückung sieht und die überkommene Männerherrschaft sanktioniert. Diese Ideologie liegt der sogenannten Wende zugrunde, ohne daß alle ihre Befürworter wissen müßten, welchem Geist sie dienen.

Frage:
Aus Ihren temperamentvoll vorgetragenen Bemerkungen schließen wir, daß Sie der Auffassung sind, daß wir uns in einer historisch-politischen Situation befinden, die irgendwo einem Katastrophenpunkt zusteuert? Sehen Sie das so?

Ja, und zwar denke ich, daß die Gesellschaft in der Form, wie sie sich der Solidarität verweigert, etwa in der Auseinandersetzung um das neue Ausländergesetz oder in der Frage, wie die Flüchtlinge künftig oder bereits jetzt behandelt werden, sich unfähig erweist, den Rechtsextremismus zu überwinden. Ein drastisches Beispiel: Der bayerische Ministerpräsident (Max Streibl ?) konnte vor einigen Wochen ungeniert sagen, die Asylbewerber seien schuld an der Wohnmisere in der Bundesrepublik. Daß dieser Mann nach dieser wahnwitzigen Aussage heute noch Ministerpräsident von Bayern ist, ist eine Katastrophe.

Um sich gegen diese Entwicklung zu stemmen und den sozialdarwinistischen Ansatz zu überwinden, bedarf es keiner neuen Analysen, sondern einer neuen Solidarität. Sie gibt es in wichtigen Ansätzen. Ich empfinde sie als etwas Neues, wobei ich als Pfarrer zur Beurteilung einen Zeitraum von etwa dreißig Jahren überblicke. Ich habe noch nie eine solidarische Bewegung von der Kraft und Qualität erlebt wie die der Solidarität mit Flüchtlingen. Es hat sie mit den Arbeitsmigranten und ihren Familien nicht gegeben. Da war sie beschränkt auf die Funktionärs- und Fachbasis. Hier aber stelle ich in einem Maß, das mich erstaunt und bewegt, fest, was ich in dieser Republik nicht für möglich gehalten habe. Hier entsteht eine emotionale, geistige, menschliche und politische Bindung an das Schicksal der Flüchtlinge, das ich sogar für die neue Form einer Resolidarisierung unserer Gesellschaft ansehen würde, wenn das nicht als übertrieben zu bewerten wäre.

Es handelt sich dabei um eine zahlenmäßig kleine, trotzdem aus meiner Sicht qualitativ sehr beachtliche Form der Solidarität. Sie wird sehr stark getragen von Frauen. Inwieweit das einbezogen ist, was wissenschaftlich als Frauenbewegung analysiert wird, kann ich nicht sagen. Inwieweit es etwa integrierter Bestandteil der Frauenemanzipation ist, kann ich auch nicht sagen. Aber ich zähle es zur Gesamtbewegung der Humanisierung unserer Gesellschaft. Selbst glaube ich, daß die Frauenbewegung eine entscheidende Kraft der Veränderung ist, allerdings nur in einer sehr viel stärkeren Einbindung in entsprechende Prozesse in der südlichen Hemisphäre. Hier ginge es sehr viel stärker darum, das eigene Schicksal mit dem Schicksal der Menschen im Süden zu verknüpfen. Damit es in die emotionale Tiefenschicht eindringt, ist menschliche Nähe erforderlich. Die Anwesenheit der Flüchtlinge ist für mich eine Chance hierfür.

Frage:
Wir sind uns hier alle einig aber die Ursachen. Analyseergebnisse liegen ja auch in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend vor. Das Problem besteht immer noch darin, daß wir kaum in der Lage sind, therapeutische Wege zu beschreiten, angesichts auch des konstatierten Vakuums auf der parteipolitischen Ebene. Ist denn eine Überwindung, eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit jenen Potentialen nur durch eine neue basisdemokratische Qualität möglich, und in welchem Zeitraum läßt sich das eigentlich denken und auf dem Hintergrund Ihrer vorherigen Bemerkung, daß uns die Zeit davonläuft und wir vor einem Wendepunkt stehen?

Nach meiner Erfahrung und Einschätzung ist für die Mehrheit der Menschen der Sozialdarwinismus plausibel, vor allem, wenn er sich gegen die Fremden, die Ausländer und Flüchtlinge richtet. Das kann, je nachdem wie die Situation ist, geradezu wahnhaft plausibel sein. Und jetzt sage ich etwas, worin ich meine Unfähigkeit sehe: Ich sehe mich nicht in der Lage, ein Kollektiv zu therapieren. Ich sehe auch, wenn paranoide Vorstellungen sich gesellschaftlich ausweiten, keine Möglichkeit, eine Gesellschaft direkt zu therapieren, vor allem nicht durch rationale Argumente. Sie fruchten nichts, sondern erhöhen u.U. sogar noch den Leidensdruck der Minderheiten, weil ich damit zusätzlich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sie lenke. Das ist eine Lage, für die ich noch keine Lösung habe.

Wir sind in Situationen gewesen und können auch in solche Situationen wieder hineinkommen, wo paranoide Vorstellungen von der sogenannten Überflutung und dem Erdrücktwerden durch Einwanderer und Flüchtlinge die Oberhand bekommen. Wir sind dann sicher nach wie vor versucht, dieses Bewußtsein abzuwehren durch rationale und mitleidheischende Argumente. Sie sind praktisch ohne Wirkung, sowohl bei der Bevölkerung wie bei den Politikern, die den "Volksgeist" zu kennen und zu repräsentieren meinen.

Mein Ansatz ist der der unmittelbaren, direkten Solidarität, die zuerst individuell geübt, sich sehr bald vernetzt und dann zu einer immer stärkeren Macht wird. Um Ihnen das zu verdeutlichen: Gerade wenn viele von Ihnen nicht wahrgenommen haben, daß es eine qualitativ bedeutsame Solidarisierung mit Flüchtlingen gegeben hat. Die Politiker haben es wahrgenommen; so sehr, daß sie ihre Gesetze und Aktionen darauf abstellen, wie sie die Flüchtlinge dieser unmittelbaren Solidarität entziehen können. Ein Beispiel ist die Zentralisierung der Abschiebungsentscheidungen. Je weniger wir einen unmittelbaren menschlichen Kontakt mit diesem bedrohten Personenkreis haben, umso geringer ist die Solidarität. Je anonymer die Vorgänge in dieser Gesellschaft sind, umso stärker tragen wir dazu bei, daß andere ihre Machenschaften durchsetzen können.

Um noch mit einem konkreteren Beispiel zu sagen, was ich meine: Wir sind hier in Nordrhein-Westfalen. Ich bin in den vergangenen Wochen zweimal nach Düsseldorf gefahren wegen eines Hilferufes der Roma, die sich mit schließlich über eintausend Menschen von Köln über Dormagen, Neuss, Düsseldorf, Ratingen, Duisburg, Oberhausen und Essen auf einen Bettelmarsch begeben hatten. Ich habe versucht, über das, was ich in der Rolle des Sprechers von Pro Asyl machen konnte, hinauszugehen, über das also, was Erklärungen, Resolutionen, kritische Ankündigungen u.ä. in der Öffentlichkeit angeht. Ich tat es aus dem Gefühl heraus, daß ich nur dann, wenn ich mich wenigstens zeitweise selbst an dem Bettelmarsch beteiligte, eigentlich legitimiert wäre, für die Roma zu sprechen. Es gehört einfach Betroffenheit dazu, um Macht zur Veränderung einsetzen zu können. Ich habe eine Nacht mit den Roma-Familien zusammen auf dem Betonfußboden der Ausstellungshalle gelegen, ohne eine Minute zu schlafen, und bin mit dem Gefühl aufgestanden, wenn der nordrheinwestfälische Ministerpräsident (Johannes Rau) - der "Bruder Johannes" - mit mir zusammen diese Nacht dort verbracht hätte, dann hätte er am nächsten Tag eine andere Entscheidung getroffen, die dann erst Gott sei Dank - 14 Tage später gefallen ist.

Das zweite Mal erlebte ich bei mir das Gefühl der Schwäche, als ich acht Tage später wieder nach Düsseldorf gefahren bin. Ich begleitete die Roma von dem Ausstellungsgelände, wo sie acht Tage untergebracht waren, bei ihrem mehrstündigen Fußmarsch nach Ratingen durch NieseIregen, eskortiert von der relativ freundlichen Polizei. Da hatte ich deutlich das Gefühl, mit einer Gruppe zusammen zu sein, die nichts anderes als ihre totale Schwäche zusammengeführt hat und die sich in dieser Form auf ein Risiko eingelassen hatte, das mich äußerst bewegte. Ich dachte mir: Wenn die Menschen sagen würden: Du, wir kennen dich zwar nicht. Bleib trotzdem bei uns! Vielleicht hätte ich alles stehen- und liegengelassen und wäre mit diesen Menschen weitergezogen. Die Schwäche spürte ich unmittelbar. Es gab nur eine Handvoll anderer Menschen, die solidarisch mitzogen. Es hatte verschiedene Resolutionen gegeben, und ich hatte damit gerechnet, ein paar hundert Leute anzutreffen, die sich solidarisierten. Aber sie waren nicht da. Als ich mich dann von dem Leiter der Gruppe verabschieden mußte, sagte ich, eigentlich durch nichts begründet, es war eher der Ausdruck meiner Hilflosigkeit: "Ihr werdet es schaffen!" Dann schaute mich der junge Mann an und fragte: "Meinst du wirklich?"

Zusammenfassend möchte ich sagen: Es gibt keine Solidarität, es gibt keine gesellschaftsverändernde Kraft ohne eine tiefe Mitbetroffenheit, ohne echtes Miterleben mit den Diskriminierten. Es ist mehr von uns gefordert, als wir uns normalerweise vorstellen, wenn wir dazu beitragen wollen, Rechtsextremismus zu überwinden und unsere Gesellschaft auf eine wahre Humanität hin zu verändern

redigierter Diskussionsbeitrag auf einer Veranstaltung zum Rechtsextremismus vom 16.-18. Februar 1990 in Soest, veröffentlicht in: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Rechtsextremismus - Erscheinungsformen, Ursachen, Entwicklungen, Soest 1990, S.46-49