Frankfurter Walter-Dirks-Preis (Text mit Grafik)

Bischof Dr. Franz Kamphaus:
Predigt zu Apk 5 am 3. Ostersonntag

Liebe Brüder Leuninger, verehrte Gäste, liebe Geschwister im Glauben,

ein Buch mit sieben Siegeln, das kennen wir. Das Wort geht auf eben dieses Kapitel zurück, das wir als Lesung gehört haben. "Ein Buch mit sieben Siegeln." Ein geflügeltes Wort, mehr noch eine erfahrene Wirklichkeit für jeden von uns, etwa wenn wir sagen: "Der ist mir ein Buch mit sieben Siegeln." Oft sind wir uns ja selbst, ein Buch mit sieben Siegeln. Und die Geschichte, die Weltgeschichte, was ist sie anders als ein Buch mit sieben Siegeln? Wer soll das alles verstehen? Die Neuzeit hat gedacht, die Welt ist aufgeschlagen wie ein Buch, wir müssen nur darin lesen. Wir werden schon dahinter steigen, bis in unsere Erbmuster. Wenn wir am Ende unseres aufgeklärten zwanzigsten Jahrhunderts zurückschauen, ist Ihnen das klar? Alles sonnenklar? - Ein Buch mit sieben Siegeln! Wer kann die Siegel öffnen? Wer kann wenigstens anfanghaft das Buch öffnen und lesen?

Die Menschen haben, wenn sie nicht weiterwußten, die Tiere zu Hilfe genommen, um das Geheimnis zu erschließen. Vorab den Löwen, den König der Tiere. Er findet sich im Wappen unseres Landes Hessen und vieler anderer Länder. Aber nicht nur dort. Er steht schon am Anfang der Geschichte des Gottesvolkes - im Jakobssegen: Juda, du bist wie ein junger Löwe, kraftvoll, stark, Power. So ist die Geschichte des Gottesvolkes über weite Strecken gelaufen. Man hat versucht, wie ein Löwe zu kämpfen, um seinen Löwenanteil mit zu bekommen.

An der Stelle, die wir eben als Lesung hörten, ändert sich das Bild. Da ist auch vom Löwen die Rede: "Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda. Er ist würdig, das Buch zu empfangen und die Siegel zu öffnen." Aber dann auf einmal kommt ein Sprung, ein Paradigmenwechsel. Dann ist nicht mehr vom Löwen die Rede; ein anderes Tier kommt in den Blick: Das Lamm ist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen.

Das ist ein Wechsel. Vom Löwen zum Lamm. Nicht nur einfach zum Lamm, zu einem Osterlämmchen, sondern zum Lamm, das geschlachtet ist. Sie erinnern sich alle an den gewaltigen Schlußchor in Händels Messias "Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist." Seltsam, vom Löwen zum Lamm, wie soll man das verstehen? Man kann es nicht ohne Jesus. Er tritt auf, und in seiner ersten Predigt in Nazaret sagt er deutlich, worum es geht: Gott hat mich gesandt, den Armen das Evangelium zu verkünden, den Gefangenen Freiheit, den Blinden das Augenlicht, die Zerschlagenen aufzurichten. Darum geht's. Er hat eine Schwäche für die Schwachen. Er setzt sich mit ihnen an einen Tisch. Die Leute sagen: Was soll das? Das soll Gott sein? Um Gottes Willen. Das kann doch nichts mit Gott zu tun haben.

Wenn Gott, dann Löwe, wie ein Löwe, stark. "Sprich, daß aus diesen Steinen Brot wird." Mach's doch, du kannst es doch. "Stürz‘ dich herunter vom Tempel", warum denn nicht? Es kann dir doch nichts passieren. "Steig herunter vom Kreuz!" Warum eigentlich nicht, wenn du's doch kannst. Oder kannst du's nicht? Was ist das für ein Gott? Das ist doch weit unter seinem Niveau. Weit unter Gottes Niveau, ohnmächtig, schwach.

Oder ist das vielleicht gar nicht so mit der Stärke der Starken und der Schwäche der Schwachen? Sind die Starken gar nicht so stark? Und die Schwachen gar nicht so schwach? Es ist ein fremder Gedanke, daß die Welt nicht gerettet wird durch die Macht der Mächtigen, sondern durch die Kraft dessen, der sich mit den Ohnmächtigen einläßt. Nicht um die Ohnmacht zu verherrlichen, nicht um das Leid zu verherrlichen. Nein, das alles nicht. Gott kennt keine Apartheid. Keine Apartheid zu den Schwachen, zu den geschlagenen Geschöpfen seiner Schöpfung. Ist das schwach? Oder ist das stark, im Zeichen des geschlachteten Lammes, das die Siegel des Weltenbuches öffnen kann?

Wir leben in einer ganz anderen Gesellschaft. Power ist Trumpf. Die Aufsteigertypen sind In, die Siegertypen, die eiskalt, knallhart über Leichen gehen. Ist das stark? Wir sehen, was dabei heraus kommt. Das Heer von Menschen, die am Ende das Wort 'los' haben: arbeitslos, wohnsitzlos, heimatlos. Eigentlich wären sie ja alle überflüssig. Was sollen wir mit ihnen? Unsere Gesellschaft käme viel besser voran. Jeder bekäme seinen Löwenanteil! Aber ist das wirklich stark, wenn man einen großen Teil der Wirklichkeit einfach beiseite läßt, ist das stark? Wenn man nur die Sonnenseite sieht und die Hinterhöfe, die Schatten verdrängt, ist das stark? Allenfalls halb-stark, weil nur die eine Hälfte der Wirklichkeit im Blick ist. Und nicht mal die richtig. Ist das stark? Das ist schwach. Das ist ganz schwach. Ist das stark, daß wir nach den Schwächen des Menschen schon im Mutterschoß fahnden und sie "vorsorglich" entsorgen, schließlich nicht nur die Schwächen, sondern auch die Schwachen selbst. Was ist das für eine Gesellschaft mit genetischem Gütesiegel? Ist das stark? Das ist schwach, ganz schwach.

"Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, das Buch zu empfangen und die Siegel zu öffnen." Verstehen wir's? Als Kirche? Verstehen wir, wo unser Platz ist? Oft meinen wir: Gott ist stark, und darum müssen wir stark sein. Wenn wir stark sind, ist Gott stark. Wenn wir einflußreich sind, ist Gott einflußreich. Wenn wir am Drücker sind, ist Gott am Drücker. Geht das so? Wie ist das mit dem Lamm, das geschlachtet ist, und die Siegel des Buches lösen kann? Bei ihm sind die Stärke und die Macht in besten Händen. Spüren wir, wo unser Platz ist als Kirche? Neben dem, der antrat, den Armen das Evangelium zu verkünden und den Gefangenen Freiheit, der die Geschlagenen aufrichtet. Wer an ihrer Seite steht, der ist richtig am Platz in der Kirche. Der ist würdig, im Zeichen des Lammes, Ehre zu empfangen.

Es gibt eine sehr bedenkenswerte Stelle in Christa Wolfs "Kassandra". Ein lesenswertes Buch, wie ich denke, immer noch, geschrieben auf dem Hintergrund der griechischen Sage um Troja: Kassandra, die Seherin, sagt zu den Kämpfern in Troja: "Wenn ihr aufhören könnt, zu siegen, wird diese eure Stadt bestehen können." Dann wendet sie sich an die Wagenlenker und fügt hinzu, etwas resigniert: "Aber ich kenne keinen Sieger, der es konnte." - Kann man in dieser Welt nur als Sieger leben? Ist Siegen alles? Und Bedürftigkeit nur Schwäche? Ist die einzige Lebensmöglichkeit die erkämpfte, erfochtene? "Wenn ihr aufhören könnt zu siegen..." Mit einer Spur von Hoffnung fügt Kassandra hinzu: "Ich weiß nicht, ob wir unsere Natur richtig kennen. Ich bin überzeugt, es wird Menschen geben, die verstehen, ihr Siegen in Leben zu wandeln." Diesen Menschen gibt's. Christen glauben: er ist der Sohn Gottes. Er hat sein Siegen in Leben verwandelt. Er ist nicht mit dem Lorbeerkranz gekrönt, sondern mit der Dornenkrone. So hat er sein Siegen in Leben verwandelt. Er ist würdig, das Buch zu empfangen, das Buch mit den sieben Siegeln, und die Siegel zu lösen. Er ist würdig, alle Macht und Ehre zu empfangen. Die ihm die Treue halten, die sind in seinem Namen der Ehrung würdig.

Amen.